Die Gewissensfrage: Schönheits-OP ja oder nein?

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Die Entscheidung für eine Schönheits-OP ist keine leichte. Viele Menschen denken jahrelang über den geplanten Eingriff nach, bevor sie sich entweder dafür oder dagegen entscheiden. Über einen ganz besonderen inneren Kampf berichtet die farbige Transgender Aktivistin Raquel Willis.

Feministin mit operierter Brust? Unmöglich!

Raquel Willis focht fast ihr gesamtes Leben einen inneren Kampf. Sie war im falschen Körper geboren und fühlte sich deplatziert, seit sie 11 Jahre alt war. Mit 21 Jahren begann sie ihre Transformation mit Östrogen-Injektionen.  Obwohl sich ihr Körper schnell veränderte und immer weiblicher wurde, war sie mit ihren Brüsten nicht zufrieden. Sobald sie nackt war, fühlte sie sich nicht mehr als Frau.

Deshalb begann sie, über eine Brustvergrößerung nachzudenken. Raquel machte sich zunächst allein Gedanken zu dem Thema und befragte nach einigen Monaten auch andere dazu. Oft wurde ihr mit den typischen Antworten begegnet. „Du bist schön, so wie du bist.“ „Du solltest nichts machen lassen, natürlich ist immer schöner.“ „Eine Handvoll reicht doch.“

Während ihrer Geschlechtsumwandlung störten sie nicht nur ihre Brüste. Auch ihr Adamsapfel schwächte ihr Selbstbewusstsein als Frau. Diesen ließ sie sich deshalb relativ früh in ihrer Transformation chirurgisch verkleinern. Nach dem Eingriff schwor sie sich, keine weiteren Schönheitsoperationen machen zu lassen. Raquel wollte nämlich eine Feministin sein, die sich nicht nur gegen unmögliche Schönheitsideale aussprach, sondern diese auch in ihrem Alltag nicht verfolgt.

Mit der Zeit wurde ihr Wunsch nach größeren Brüsten aber stärker als ihre ungeschriebenen feministischen Gesetze. Sie sagte sich, dass sie die Operation, wenn sie sie wirklich wollte, auch machen lassen könnte. Wie sagt man so schön? Wenn du mit einer Sache in deinem Leben unzufrieden bist, ändere sie.

Dies ist allgemeingültig akzeptiert, wenn es um einen Gewichtsverlust, einen neuen Job oder eine andere Haarfarbe geht. Schönheitsoperationen erhalten allerdings selten Zuspruch dieser Art von außen.

Der perfekte Körper und Feminismus passen nicht zusammen?

Raquel Willis quälte sich lang mit der Gewissensfrage zu ihrer geplanten Schönheitsoperation. Sie wollte keine Brustvergrößerung, um den gängigen Standards zu entsprechen. Dennoch würde ein Eingriff dieser Art sie in genau diese Richtung bringen. Sie spricht schon immer sehr offen über ihre Geschlechtsumwandlung und lebt ihre neue Identität. Gerade deshalb fand sie lange Zeit nicht die Kraft und Stärke, eine Entscheidung zu treffen.

Nachdem sie nur auf sich selbst gehört hatte, entschied sie sich schlussendlich für die Brustvergrößerung beim Schönheitschirurgen. Einige Monate nach dem Eingriff ist sie zufriedener denn je mit ihren neuen Brüsten. Sie sagt ehrlich, dass sich ihr Leben im Prinzip nicht verändert hat. Aber sie fühlt sich mehr wie sie selbst und ist freier. Sie stopft nun ihre BHs nicht mehr aus und hat keine Angst mehr, dass jemand etwas bemerkt.

Von außen hat sie außer von guten Freunden und Familienmitgliedern nur wenige Kommentare zu ihren neuen Brüsten erhalten. Auch dies bestätigt Raquel darin, dass sie sich nur für sich selbst für die Brustvergrößerung entschieden hat. Diese Entscheidung war keinesfalls oberflächlich, sondern ein Teil ihrer Geschlechtsumwandlung, mit der sie nach und nach ihren Körper zurückerobert. Mit jedem Schritt, von der Namensänderung über die Veränderung ihrer Geschlechtsmerkmale bis zu Hormonen und Schönheitsoperationen, ist sie ihrem wahren Ich näher gekommen, sagt sie.

Raquel Willis ist weder eine perfekte Frau noch eine perfekte Feministin, aber das liegt nicht daran, dass sie Schönheits-OPs hatte. Sie glaubt nicht daran, dass die perfekte Feministin wirklich gibt. Und sie glaubt auch nicht, dass man „Echtheit“ messen kann. Für sie bedeutet Echtheit, ihre Wünsche und Ziele für sich selbst zu verwirklichen. Sie sagt: „Ich verdiene es, glücklich zu sein, wenn ich in den Spiegel schaue, wenn ich allein im Bett liege oder wenn ich mit einer anderen Person intim werde.“

„Mein Körper ist das Haus, in dem ich lebe. Ich besitze es und ich entscheide, wie ich es schmücke. Ich schäme mich jetzt nicht mehr für meinen Körper und das solltest du auch nicht mehr tun. Ich schäme mich nicht mehr für die Wünsche, die meinen Körper betreffen, und das solltest du auch nicht mehr tun. Das ist es, was wirkliche Freiheit ausmacht.“